Galactic Guide: Kabal

In nahezu sechs Jahren seiner Arbeit als Systemkartograph für das Imperial Cartography Center (ICC) (Imperiale Zentrum für Kartographie) hatte sich Usuni Colo nicht mal einen einzigen Tag krank gemeldet. Im Jahre 2941 wurde Colo nunmehr durch seine Vorgesetzte nicht etwa Urlaub vorgeschlagen, sondern zwangsverordnet. Colo wusste, dass es, angesichts der drei Wochen, in denen er nichts zu tun haben würde, nur einen Ort gab, den er besuchen wollte. Fasziniert von den Outsidern reiste er nach Mya in das Leir-System, um aus erster Hand zu erfahren, wie Isolationismus den Planeten und seine Bewohner beeinflusst hatte.

Unglücklicherweise für Colo wurde dieser vom Planeten verwiesen, nachdem er versucht hatte, einen Weg hinter das abgesteckte Gebiet für Reisende zu finden, um die "echte Erfahrung" zu erleben. In Anbetracht von einigen Wochen zwangsweiser Auszeit, nahm sich Colo für die Heimreise in das Elysium-System Zeit und als ein Mitglied des Systemkartographenteams des ICC hatte er die Angewohnheit, nach Sprungpunkten zu suchen, selbst wenn er nicht im Dienst war.

Als seine Scanner nun am 11. März 2941 eine Anomalie entdeckten, welche nach einem neuen Sprungpunkt aussah, reagierte Usuni Colo weniger überrascht denn professionell. Was ihn letztendlich überraschen würde, war das, was auf der anderen Seite lag. Er würde herausfinden, dass er dieses System gar nicht entdeckt hatte, sondern lediglich wiederentdeckt.

Entdeckerfreude

Colo unternahm eine Zahl von Erstscans von dem, was später als Kabal-System bekannt werden sollte. Den Namen vergab Colo zu Ehren der berühmten Musikgruppe aus dem 27. Jahrhundert. Seine Scans fanden einen Hauptreihenstern der Klasse F, drei Planeten und einen Asteroiden-Cluster. Nach der Rückkehr in den UEE-Raum erstatte er sofort Bericht und protokollierte den besonderen Wunsch, dass seine ICC-Einheit mit dem Scannen und Erkunden des von ihm entdeckten Systems beauftragt wird. Die UEE stimmte dem Gesuch Colos zu und er kehrte kurze Zeit später mit dem Rest seines Teams zu dem System zurück.


Ihre erste Einschätzung des Systems fiel überwältigend positiv aus. Kabal II und Kabal III waren in der habitablen Zone gelegen und die sauerstoffbasierte Atmosphäre von Kabal III bedeutete, dass dieser das Potenzial eines quasi bezugsfertigen Planeten besaß. Dies löste eine Welle der Begeisterung bei Regierungsvertretern aus, denn eine von Natur aus bewohnbare Welt zu finden, würde unglaublichen Nutzen und Ressourcen bieten, ganz ohne aufwändiges Terraforming. Colo und der Rest seines Teams wurden unverzüglich eingesetzt, um detailliertere Scans von Kabal III anzufertigen.

Das Standardprotokoll des ICC sieht es vor, die Ersteinschätzung von Systemen solange unter Verschluss zu halten, bis weitere Bewertungen gemacht und Einzelheiten verifiziert wurden. Dennoch sickerte die Analyse von Kabal auf irgendeine Weise durch. Die Neuigkeit über die Existenz eines Planeten, welcher möglicherweise sofort bewohnbar sei, verursachte eine Mediensensation.

Kritiker von Imperator Costigan waren jedoch misstrauisch; sie behaupteten, dass die Enthüllung ein geplanter Schachtzug seitens seiner Regierung war. Nur Wochen zuvor gab der Historical Truth Act (Gesetz für historische Wahrheit) von 2941 eine Fundgrube von Dokumenten frei, von denen viele aus der Ära Messer stammten und viele der Propagandamethoden offenlegten, mit denen Messers Regierung die Öffentlichkeit manipuliert hatte. Auch wenn diese Offenlegung kaum etwas Neues offenbarte und offensichtlich keines der veröffentlichten Dokumente direkt mit Costigans Administration in Verbindung stand, zogen Kolumnisten und Kritiker dürftige Vergleiche zwischen den zuvor angewandten Methoden und den Aktionen der aktuellen Administration, welche in einer Reihe von peinlichen Fauxpas versank. Die Enthüllung von Kabals Ersteinschätzung wurde von einigen als Weg betrachtet, die Aufmerksamkeit der breiten Masse auf die Zukunft, statt auf die Vergangenheit der UEE zu lenken.

Sobald der vertrauliche Bericht an die Öffentlichkeit gelangt war, entschied die ICC, die aufkeimende Begeisterung für sich zu nutzen. Es war sogar geplant, dass Usuni Colo die Geschichte seiner unglaublichen Entdeckung Beck Russum in einem exklusiven Empire Report erzählt. Das Ereignis wurde tagelang über das gesamte Spektrum aufgebauscht, dann jedoch schlagartig abgesagt. Als es zu keiner offiziellen Erklärung für die Absage des Interviews kam, wurden erneut Gerüchte laut. Nachdem sich die offizielle Einschätzung des Kabal-Systems – ebenfalls aus nicht geklärten Gründen – verzögerte, schaltete sich nun das Senats-Subkomitee für Inneres ein.

Das bekannte Unbekannte

Im Oktober 2941 wurde die Vorsitzende des ICC, Rebecca Alves, vor das Subkomitee für Inneres des Senats zitiert, um über die Leitung ihrer Behörde Rechenschaft abzulegen. Die Senatoren konzentrierten sich bei ihrer Befragung auf Kabal III und wunderten sich, warum sich der offizielle Bericht über das System verspätete. Alves wich den meisten Fragen aus, indem sie behauptete, keine Details erörtern zu können, bis der offizielle Bericht vorläge. Unter Druck gesetzt verhielt sich Alves immer ausweichender. Damit zog sie den Ärger der Senatoren auf sich, welche sich offen fragten, wer wirklich die ICC leitete, wenn deren Direktorin keinen Zeitplan vorlegen könne.

Alves' Auftreten vor dem Senats-Subkomitee wurde als eine Katastrophe angesehen. Es erhitzte die Debatte über Kabal erneut und bekräftigte die Behauptung, dass der Imperator in Wirklichkeit die Herausgabe von Informationen kontrollierte. Anfang November 2941, nach zunehmendem öffentlichem Druck, veröffentlichte die ICC letztendlich ihre offizielle Einschätzung des Kabal-Systems. Plötzlich wurde offensichtlich, warum es so viel Geheimhaltung rund um das System gegeben hatte.

Der Bericht enthüllte, dass alte, verlassene Tevarin-Städte, vermutlich älter als der Erste Tevarin-Krieg, auf Kabal III entdeckt worden waren. Also obwohl der Planet für Menschen bewohnbar war, würden in absehbarer Zukunft keine Siedlungen gegründet werden. Im Anschluss an die Veröffentlichung des Berichts stufte die Regierung der UEE das gesamte System als nicht zugänglich für die Öffentlichkeit ein, um die Unversehrtheit dieser wichtigen archäologischen Stätte zu gewährleisten. Seitdem ist es gesperrt geblieben.

Kabal I

Dieser kleine, klumpige Protoplanet befindet sich so nah an der Sonne des Systems, dass er lediglich 34 Standardtage für seine komplette Umlaufbahn benötigt.

Kabal II

Der ursprüngliche Bericht des ICC über Kabal II zog Vergleiche zum Mars. Es handelt sich um einen erdähnlichen Wüstenplaneten, welcher sich mitten in der habitablen Zone befindet, was ihn zu einem idealen Kandidaten für Terraforming macht. Dennoch, da die Tevarin nie die Technologie des Terraformings meisterten, blieb der Planet unbewohnt, solange das System unter ihrer Kontrolle war.

Kabal III

Kabal III galt als klares Juwel des Systems, als dieses (wieder-)entdeckt wurde. Doch die Hoffnungen der UEE, Siedlungen auf dem Planeten zu gründen, wurden schnell erstickt. Nachdem verlassene Tevarin-Städte entdeckt wurden, verwandelte sich der Planet in eine archäologische Ausgrabung.

Unter einer dicken Schicht von einheimischen Pflanzen, welche die Städte zurückerobert hatten, lag diese Welt der Tevarin, welche in der Zeit festzuhängen schien. Gebäude und Häuser waren mit unterschiedlichsten gebräuchlichen Gegenständen gefüllt. Schiffe saßen friedlich auf Landepads. Die heiligen Kodizes von Rijora hangen noch immer in den Tempeln. All diese Hinweise deuteten darauf hin, dass die Bevölkerung entweder schnell aufbrach oder vorhatte, zurückzukehren. So oder so öffnete Kabal III ein Fenster zu einer Kultur, welche versucht hatte, sich selbst in der Säuberung nach dem Zweiten Tevarin-Krieg auszulöschen.

Das Militär der UEE lud Esperia, den renommierten Hersteller von Schiffsrepliken, auf den Planeten ein, um die gefundenen Schiffe einzuschätzen und zu katalogisieren. Nach einem Vergleich mit den wenigen verbliebenen historischen Aufzeichnungen schätzte Esperia ein, dass der Planet vor dem Ersten Tevarin-Krieg verlassen worden war. Obwohl die Städte eine Fundgrube von historischen Informationen über die Tevarin boten, warfen sie mehr Fragen als Antworten auf. Eine blieb besonders schwer begreiflich: Warum waren die Tevarin gegangen?

Viele wundern sich noch immer, wie ein ganzes System von den Tevarin vergessen werden konnte. Die meisten glauben, dass ein Zusammenfluss von verhängnisvollen Ereignissen in zwei Jahrhunderten – der Erste und Zweite Tevarin-Krieg, gefolgt von der Säuberung – die Existenz des Systems aus dem kulturellen Gedächtnis der Tevarin gelöscht hatte. Andere bestanden darauf, dass dessen Existenz ein gut behütetes Geheimnis unter radikalen Tevarin war. Wohl bewusst darüber wie wenig sie wissen, gingen die Wissenschaftler der UEE sehr vorsichtig mit dem System um. Trotz wiederholter Anfragen der "Gesellschaft zur Erhaltung der Tevarin-Kultur" und der Interessenvertretung der Tevarin "Nerriva Alle" hält die UEE einen eng begrenzten Zugang zum Planeten aufrecht.

Reisewarnung

Da Kabal lediglich über das unbeanspruchte Leir-System erreicht werden kann, versuchten bereits einige, die Regierungskonvois abzupassen und zu verfolgen, um die exakten Koordinaten des Sprungpunktes in Erfahrung zu bringen. Es ist bekannt, dass UEE-Schiffe verdächtige Schiffe im Leir-System angreifen, welche als Bedrohung für das Geheimnis um die Position des Sprungpunktes erachtet werden. Also sollte Ihnen die Regierung einen Warnruf übermitteln, folgen Sie deren Anweisungen oder leben Sie mit den Konsequenzen.

Stimmen im Wind

 "Wenn Sie mich zu Ihrem Senator wählen, werde ich mich dafür einsetzen, mein Volk durch den Wiederaufbau der Schönheit der Tevarin-Kultur aus den Schatten zu holen. Das beinhaltet die Einstufung der verlorenen Städte auf Kabal III als historische Stätten sowie die Einrichtung von Kulturzentren auf dem Planeten, welche zukünftigen Generationen – denen der Menschen und der Tevarin gleichermaßen – lehrreich sein soll."

 - Senator Suj Kossi, Wahlkampfrede, Jalan, Elysium, 2946

 
"Das Kabal-System ist ein interessanter Fall. Wie kann ein gesamtes System in nur ein paar Jahrhunderten in Vergessenheit geraten? Kann eine kollektive kulturelle Amnesie wirklich so tiefreichend sein oder ist dort etwas anderes im Gange? Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, welche Antwort mir mehr Angst einjagt."

 - Professor Vincent Fontana, Exzerpt aus einer Rede an die "Gesellschaft zur Erhaltung der Tevarin-Kultur", 2943