Galactic Guide: Cano

In der Folge des ersten Kontakts mit einer außerirdischen Spezies im Jahr 2438 entfachte die Kolonisierung von Virgil im frühen 25. Jahrhundert eine Expansionsbewegung, die mehrere Jahrhunderte andauerte. Die Transformation von Virgil I von einer kargen, felsigen Welt in eine grüne florierende Siedlung schien die neu gewonnene Herrschaft der Menschheit über die Sterne zu beweisen. Und viele waren eifrig, weitere Welten zu entdecken, um unsere Stellung zu festigen. Offiziell anerkannt durch die Regierung der UNE unter dem Namen „Project Far Star“ (Projekt Ferner Stern), begann eine konzertierte Anstrengung, die menschliche Zivilisation überall in der Galaxis zu verbreiten, was die Fantasie unzähliger Menschen befeuerte. Tausende von Möchtegern-Entdeckern eilten, um Vermessungsschiffe zu kaufen und die dunklen Weiten des bekannten Universums zu scannen, in der Hoffnung, ihnen würde als nächstes die Entdeckung eines Sprungpunkts gelingen. Obwohl viele dabei halfen, neue Ressourcen oder wissenschaftlich interessante astronomische Erscheinungen zu entdecken, sollte davon nur ein geringer Prozentsatz die Menschheit zu neuen Sternen führen.

Von diesen wenigen Glücklichen war Tabatha Casters Entdeckung eines Sprungpunktes insofern einzigartig, als dass sie diese von ihrem Zuhause aus auf dem Mars machte. Als leidenschaftliche Forscherin, die wegen einer chronischen Krankheit nicht selbst reisen konnte, erwarb Tabatha unverarbeitete Scandaten von Schiffen, die von Grenzsystemen wie Virgil, Davien und Bremen zurückkehrten. Sie nutzte an bekannten Sprungpunkten gesammelte Daten als ihren Vergleichswert und verbrachte fast ihre gesamte Freizeit mit dem Durchwälzen der enormen Datenmengen. Diese jahrzehntelange Herkules-Arbeit zahlte sich im Jahr 2463 aus, als sie bemerkte, dass drei verschiedene Schiffe im gleichen Sektor von Davien auf einen ähnlichen Scan-Fehler gestoßen waren. Während diese Fehler auf sich allein gestellt nicht genug waren, um eines der damaligen Standard-Analyseprogramme ausschlagen zu lassen, deuteten die kombinierten Daten darauf hin, dass mehr dahinterstecken könnte. Tabatha beauftrage Jamel Normond, einen unabhängigen Entdecker, von dem sie zuvor bereits Daten erworben hatte, um die Koordinaten zu untersuchen. Was er fand, war ein zuvor unkartierter Sprungpunkt zu einem gelblich-weißen Hauptreihenstern des Typs G, den vier Planeten umkreisen.

Erste Vermessungen von „Cano“, einer Wortkreuzung aus den Familiennamen der beiden Entdecker, ließen erkennen, dass alle vier Planeten ziemlich unwirtlich waren – eine Enttäuschung für jene, die auf eine neue Welt für „Project Far Star“ gehofft hatten. Viele Historiker weisen auf diese Enttäuschung als Katalysator hin für den wenig aussichtsreichen Versuch, Cano II zu terraformen.

Alle guten Pläne…

Cano II, eine Ozeanwelt mit einer ätzenden, nicht atembaren Atmosphäre, war alles andere als ein idealer Kandidat. Die Umwandlung einer so dichten und toxischen Atmosphäre auf einem Planeten mit so gewaltigen Ozeanen würde eine beträchtliche Herausforderung darstellen, insbesondere mit der Technologie, die zu dieser Zeit zur Verfügung stand. Wäre der Vorschlag während einer anderen Ära vorgebracht worden, hätte das Terraforming-Projekt vermutlich niemals die Genehmigung erhalten. Doch aufgrund des enormen Expansionseifers wurden die Stimmen der Zweifler übertönt und es wurde grünes Licht gegeben.

Die darauffolgenden Anstrengungen vermittelten zunächst den Eindruck, das Projekt könne tatsächlich gelingen. Viele Siedler emigrierten auf die Welt und errichteten erste Kolonieaußenposten auf den permanenten Gletschereiskappen am Nordpol. Der Küstenhandelsposten Carteyna wuchs schnell zur größten dieser neuen Siedlungen an und erlangte in diesen ersten Jahren eine solche Vorherrschaft, dass der Planet selbst unter dem gleichen Namen bekannt wurde.

Leider war dieser frühe Erfolg nur von kurzer Dauer. Die atmosphärischen Bedingungen sollten bald zu einem toxischen Zustand zurückkehren und die Bewohner waren gezwungen, in versiegelten Außenposten unter der Meeresoberfläche zu verweilen. Dieser erste Versuch sollte jedoch nicht der letzte gewesen sein. Da die benötigte Infrastruktur bereits vorhanden war und eine stabile Atmosphäre zum Greifen nah zu sein schien, ließen sich die Geoingenieure zu einem erneuten Versuch hinreißen. Hinzu kam der finanzielle Anreiz. Könnte die Welt menschenfreundlicher gemacht werden, würde dies den Abbau der beträchtlichen Ressourcen ermöglichen. In den nächsten Jahrhunderten gab es weitere Anstrengungen, Carteyna zu terraformen, während immer neues geotechnologisches Know-how ausgetestet wurde – jedoch ohne Erfolg. Weitere Versuche zogen sich bis in das frühe 30. Jahrhundert, als schlussendlich alle Hoffnungen, den Planeten zu terraformen, für immer zunichte gemacht wurden.

Aus der Tiefe

Im Jahr 2898 bemerkte die Tiefseeforscherin Dr. Satomi Bechtel ein komplexes gerilltes Muster, das in die Oberfläche einer zurückgekehrten Unterwassersonde geätzt worden war. Im Zuge weiterer Untersuchungen stellte sie fest, dass eine Kolonie von mikroskopischem Zooplankton, bekannt als Canolisca, das Material der Sonde zersetzt hatte. Dr. Bechtel war überrascht, da diese Spezies, die bereits zuvor von Forschern untersucht worden war, niemals ein solches Verhalten an den Tag gelegt hatte.

In den nächsten paar Jahren widmete sich Dr. Bechtel der Erforschung von Canolisca. Nachdem sie dutzende Stellen mit diesen komplizierten Markierungen entdeckt hatte, erkannte sie, dass das ausgeprägte Muster kein Einzelfall gewesen war. Der wirkliche Durchbruch kam mit der Entdeckung, dass diese Markierungen in regelmäßigen Zeitabständen durch eine bestimmte Alge deutlich stärker überwuchert wurden, als es anderswo in der Gegend der Fall war. In ihrer bahnbrechenden Abhandlung von 2902 stellte sie die Hypothese auf, dass diese Rillen ein Beweis für fortschrittliche Anbaumethoden waren. Sie war überzeugt, dass der letzte Terraforming-Versuch eine Algenblüte zur Folge gehabt hatte, die der Canolisca ausreichend Ressourcen zur Verfügung stellte, um eine gesellschaftliche Spezialisierung zu entwickeln und dass die Zooplankton-Kolonien sich so weit entwickelt hatten, dass man sie an der Grenze zum Bewusstsein betrachten könnte.

Eine faire Chance

Die Abhandlung zog viel Aufmerksamkeit auf sich und Wissenschaftler sowie Fürsprecher für die Rechte von außerirdischen Spezies forderten schnell, diese sich entwickelnde Spezies unter den Schutz des Fair Chance Acts zu stellen. Die Situation war jedoch insofern einzigartig, dass der FCA bisher nur auf neu entdeckte Welten angewendet worden war. Den Fall, dass eine Spezies hunderte Jahre nach der Besiedlung eines Planeten als schützenswert klassifiziert worden war, hatte es einfach noch nicht gegeben. Die Welt wurde unter den Schutz des FCA gestellt, mit der Maßgabe, dass die Bewohner umgesiedelt werden müssen. Doch die Menschen von Carteyna leiteten unverzüglich juristische Schritte ein, um ihre Rechte zu verteidigen. Obwohl ihre Position im Imperium durch die Begeisterung der Menschen für die Canos (wie die Spezies umgangssprachlich genannt wurde) unpopulär war, war die Angelegenheit alles andere als eindeutig. Es sollten Jahre des rechtlichen Hin-und-Hers vergehen, bevor ein Kompromiss mit der Bezeichnung „Abkommen zur Entwicklung der Cano-Spezies“ erzielt werden konnte.

Unter den Bedingungen des Abkommens etablierte die lokale Regierung eine Behörde bekannt als CSDA-Büro (Office of the CSDA), um das Ozeangebiet, in dem sich die Canolisca entwickelten, zu schützen und zu verwalten. Um die Speerzone durchzusetzen (mit Ausnahme von zugelassenen Wissenschaftlern und Mitarbeitern), stehen dem CSDA-Büro Sicherheitskräfte zur Verfügung, die sicherstellen, dass das Zooplankton unbehelligt bleibt. Des Weiteren würde jegliche Ressourcenentnahme streng überwacht werden, es würde keine weiteren Terraforming-Versuche geben und die Bewohner der Welt dürften sich nicht über die bereits errichteten Siedlungen am Nordpol hinausbewegen. Zum Ausgleich für die Abstriche, die das Abkommen den Bewohnern abverlange, durften die Familien, die Carteyna für Generationen ihre Heimat nannten, weiterhin hier ein Leben aufbauen. Dank des erneuerten Interesses am System durch die Entdeckung der Canolisca und dem Zufluss an Forschungsgeldern ist es jetzt vielleicht sogar der beste Augenblick, um im Cano-System zu leben.

Reisewarnung

Cano I wurde in den letzten Jahren als „buchstäbliche Touristenfalle“ bezeichnet, da viele Menschen hier stranden, die den Planeten besuchen, um seine natürliche Schönheit zu bewundern. Aufgrund von bereits drei Todesfällen in diesem Jahr wird empfohlen, sich die Sehenswürdigkeiten in einer Simulation anzusehen.

 

Cano I

Sehr schnell seine Sonne umkreisend besitzt dieser kleine Mesoplanet einen Überfluss an kristallinen Formationen, die entlang der Erdkruste nahe der Tag-Nacht-Grenze fortlaufend entstehen. Verursacht durch übersättigtes geschmolzenes Material, das in Richtung der dunklen Seite der Welt fließt, wird während dessen Abkühlung zusätzliches Material ausgestoßen und lässt diese wunderschönen Kristallstrukturen weiterwachsen. Unglücklicherweise erschwert die unwirtliche Umgebung den Besuch dieser Naturwunder sehr.

Carteyna (Cano II)

Aufgrund der Einschränkungen, die durch das CSDA-Büro auferlegt wurden, ist die Mehrheit der Bewohner des Planeten nach Carteyna City gezogen. Was tief eingebettet in die geothermisch erwärmten Regionen unter der Eiskappe als Handelsposten seinen Anfang nahm, wuchs über die Jahrhunderte zu einer recht großen Siedlung an. Zwar ist die Bevölkerungszahl des Planeten insgesamt nicht sehr hoch, doch der Umstand, dass die Bewohner in einem so kleinen Gebiet leben, macht Carteyna zu einem sehr lebhaften Ort, insbesondere da die meisten Gewerbe auf die Gewässer an der Küste des Nordpols beschränkt sind.

Reisen zur südlichen Hemisphäre sind nur eingeschränkt möglich. Vor dem Abkommen waren überall in den Ozeanen der Welt künstliche Inseln als Landzonen erschaffen worden. Doch abgesehen von jenen, die vom CDSA-Büro für ihre Verwaltung vereinnahmt wurden, wurde der Rest aufgegeben.  Während einige dieser schwimmenden Außenposten gesunken sind und sich zu künstlichen Riffen verwandelt haben, wurden die verbliebenen entweder von Vögeln oder großen Krustentierpopulationen bevölkert. Alarmierender jedoch ist, dass viele der Plattformen von Gesetzlosen für illegale Geschäfte und Wilderei in Beschlag genommen wurden, in der Hoffnung, mit dem Verkauf von Canolisca-Proben einen Profit machen zu können.

Cano III

Nun da das Terraforming von Carteyna nicht länger eine Option war, suchten die involvierten Konzerne nach einem Weg, ihre Investition nicht gänzlich abschreiben zu müssen. Um das Beste aus der Situation zu machen, transportierten sie einen Großteil der Ausrüstung und Ressourcen nach Cano III und konzentrierten sich darauf, Wege zu erforschen, einen Smog-Planeten bewohnbar zu machen. Dies ist gelinde gesagt ein schwieriges Unterfangen; normalerweise wären die Kosten für eine solche Unternehmung schlichtweg zu hoch. Doch die einzigartigen Umstände des Systems gaben den Wissenschaftlern die Gelegenheit, diesen Forschungsbereich voranzutreiben.

Pox (Cano IV)

Reisen Sie über den Asteroidengürtel hinaus und Sie werden die äußerste Welt des Systems vorfinden, einen Gasriesen mit einem ausgeprägten rostfarbenen Band, das von mächtigen atmosphärischen Strömungen verursacht wird. Dieselbe starke Turbulenz verursacht auf der Oberfläche von Cano IV fortwährend dutzende von gigantischen, unberechenbaren, tausend Kilometer breiten Mega-Stürmen. Anders als andere Gasriesen, wo Stürme jahrzehntelang anhalten können, ist das Wetter hier deutlich schwankender, mit tödlichen Strudeln, die sehr plötzlich entstehen können. Der Abbau von Ressourcen kann hier aufgrund der unvorhersehbaren globalen Wetterphänomene ein sehr gefährliches Unterfangen sein. Sein fleckiges Erscheinen und sein Hang, Ressourcenabbaueinrichtungen zu zerstören, haben dem Planeten den Spitznamen Pox eingebracht. Viele versuchen jedoch weiterhin ihr Glück, um die schwereren und wertvolleren Ressourcen, die von den Stürmen in die obere Atmosphäre befördert werden, abzubauen.

Stimmen im Wind

„Kommunikation zwischen individuellen Canolisca scheint durch die Abgabe von komplizierten molekularen Pheromonketten in das umgebende Wasser zu geschehen. Mit dieser Methode können sie Informationen von einem Ende der Kolonie zur anderen mit außergewöhnlicher Geschwindigkeit weiterleiten.“

- Dr. Satomi Bechtel, Beurteilung der Canolisca in den südlichen Ozeanen von Carteyna, 2902

„Zu behaupten, das Leben von irgendeinem Mikroorganismus hätte in unserem Imperium mehr Gewicht als die Rechte eines durchschnittlichen Bürgers, ist so beleidigend, wie es lächerlich ist.“

- Arron Juarez, Eingangsstatement, FCA-Anhörung auf Cano, 02.06.2903