A Seperate Law: Episode 6


„Gates, können Sie mich hören?“

Die Worte brachten Schmerz mit sich. Gates erschauderte und zog sich zurück in einen ruhigen Pool des Nichts.

„Dreh den Schmerzunterdrücker auf, er leidet.“

„Jawohl, Ma'am“, antwortete eine digitale Stimme. Irgendwie war das von Bedeutung, spornte ihn an, über seine Umgebung nachzudenken. Zähe, gelartige Flüssigkeit umgab ihn: warm und doch kühl, sanft, beruhigend.

Eine Krankenstation. Der Gedanke beunruhigte ihn nicht.

Der Schmerz ließ nach. Gates trieb in der Flüssigkeit und ließ sich Zeit, um wieder zu sich zu kommen.

„Gates, können Sie mich hören?“ Details erreichten langsam sein Bewusstsein: eine Frauenstimme. Eine, die er nicht erkannte.

„Ja, kann ich“, antwortete er mit schwacher Stimme.

„Gut. Erinnern Sie sich, was passiert ist?“

Bilder überfluteten sein Bewusstsein und beendeten schlagartig seinen Halbschlaf.

Gates riss die Augen auf. Das grelle Licht blendete ihn zunächst, offenbarte dann aber eine attraktive Frau unbestimmten Alters, die neben ihm stand, ihre Arme über einem hochwertigen zivilen Fluganzug verschränkt.

„Wo–“, begann er, leckte sich über die Lippen und versuchte es erneut. „Wer sind Sie?“

„Um die erste Frage zu beantworten: Sie befinden sich auf meinem Schiff.“ Sie schnalzte mit den Absätzen und präsentierte ihr MobiGlas. „Was die zweite Frage angeht: Ich bin Agent Seabrook, Special Action. Vasser hat mich zu Ihrer Hilfe eingeteilt.“

„Vasser?“

Seabrook schnippte mit den Fingern: „Reißen Sie sich zusammen, Agent, und konzentrieren Sie sich: Sie wurden hierher geschickt von wem?“

Er spannte sich an. „Morgan. Dieser verdamm–“ Ein Schmerz schnitt ihm das Wort ab, als er versuchte, sich von der Krankenstation zu erheben. Gel spritzte von der frisch genähten Haut, das sein dunkles Fleisch wie rosa Farbe bedeckte.

Sie streckte eine Hand aus. „Wir werden ihn uns schnappen, wenn er wirklich dafür verantwortlich sein sollte, nun da Sie wieder etwas auf der Spur sind. Denken Sie einen Moment nach.“

Man muss meiner Wut eines lassen, sie fokussiert mich ungemein. Gates ließ sich zurück in die Krankenstation sinken und nur sein Gesicht über das Gel ragen. Er atmete ein paar Mal tief durch und fragte, nachdem er sich beruhigt hatte: „Ich dachte, Vasser hat mich allein reingeschickt?“

„Das hat sie. Mir wurde befohlen, mich im Hintergrund und außer Sichtweite zu halten, was ich auch tat, zumindest bis ich sicher war, dass es auf der anderen Seite niemanden gab, der Sie und Ihr Schiff hätte bergen können. Was für ein Kampf. Ein Kampf, den Sie gewonnen haben, zumindest wenn man es aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet. Gates erkannte das raubtierhafte Grinsen, das sich auf ihrem Gesicht ausbreitete. Er hatte oft genug einen ähnlichen Gesichtsausdruck getragen.

Er zuckte zusammen, als sich ein Bild in sein Bewusstsein drängte: Jenseits seines zertrümmerten Cockpits und zersplitterten Helmvisiers trieb die Aurora des Piraten, die unter den Schüssen seiner einzig verbliebenen funktionsfähigen Laserkanone auseinanderbrach.

„Ich dachte, ich wäre tot.“

„Das wären Sie auch in ein paar Stunden gewesen. Denn solange waren Sie davon entfernt, in einen der kleinen Monde zu krachen. So wie es aussieht, ist Ihre 325a schwer beschädigt und Sie haben Nervenschäden in Ihren Gliedmaßen von den vakuumbedingten Gefrierverbrennungen davongetragen. Nichts, was die Krankenstation nicht in ein paar Stunden beheben könnte. Ich habe es geschafft, die Umlaufbahn Ihres Schiffes zu stabilisieren, aber fürs Erste fliegt es nirgendwo hin.“

Gates knurrte. „Ich werde es Morgan heimzahlen. Aber erst nachdem er mir den Grund für seinen Verrat offenbart hat.“

„Ich nehme an, Sie sprechen von James Morgan?“

„Verdammt richtig, das tue ich. Sie müssen näher dran gewesen sein als Vasser wollte, wenn Sie wissen, mit wem ich gesprochen habe.“

„Ich weiß es, weil Morgan auf der Orbitalplattform aufgetaucht ist, wo Sie Ihre Reparaturen haben machen lassen, gleich nachdem Sie abgeflogen sind, begleitet von einigen ernst dreinschauenden Männern.“

„Ernst?“

„Sie kennen den Typ: Schläger, die ganz hart und überaufmerksam auf ihre Umgebung wirken müssen, nur um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie haben Morgen auch nicht gerade sanft behandelt.“

Vielleicht, nur vielleicht, hat Morgan mich nicht freiwillig ausgeliefert. Am besten hoffe ich nicht zu sehr, so verführen sie einen zu Fehlern.

„Woher wissen Sie, dass die Sie nicht entdeckt und enttarnt haben?“, fragte er.

Sie blickte zu den Schiffsschotten auf. „Ich war getarnt als Kunde dort und ließ Wartungsarbeiten durchführen.“

Ein neuer Verdacht keimte in ihm auf: „Woher wussten Sie, wer er ist?“

„Vasser wollte, dass ich mich mit Ihnen und Ihren Kontakten vertraut mache, also gab sie mir Ihre Unterlagen.“

Seine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen, das durch den Schmerz des verletzten Fleisches noch breiter wurde, und er fragte: „Die offiziellen oder die von Special Action?“

Ihr Lächeln war strahlend, ließ sogar ihre braunen Augen aufleuchten. „Beides. Ganz schöne Vergangenheit.“

„Nun, ich bin alt. Die Vergangenheit ist für mich länger als für Sie.“

„Ja, aber wir wissen beide, dass ich das nicht gemeint habe. Ich muss sagen, ich hätte nicht gedacht, eine lebende Legende zu treffen, geschweige denn, seinen Hintern vor dem sicheren Tod zu retten.“

Er blickte kurz weg. „Mit Schmeicheleien kommen Sie überall hin.“

„Auch an Orte, wo ich nicht hinwill?“, erwiderte sie schelmisch.

Die Krankenstation schlug Alarm, als sein Lachen Hautpartien an seinen Seiten aufriss. Wow, das muss meinem Fluganzug ganz schön zugesetzt haben, als das Cockpit zerstört wurde, dachte er durch den Schmerz hindurch.

Als der Schmerz nachließ, lächelte sie ihn an: „Aber wirklich, Ihre Vergangenheit bietet interessanten Lesestoff. Vor allem der letzte Teil. Haben Sie wirklich Doktor Pantroskis gesamte Operation in einer einzigen Nacht zerschlagen?“

„Ja, das habe ich.“

„Ihre damalige Vorgesetzte wusste das nicht zu schätzen.“

„Das stimmt. Ich hatte Grund, Pantroski des Mordes an einigen Advocacy-Agenten zu verdächtigen.“

„Und?“

„Oda meinte, meine Beweise würden nicht ausreichten. Ich war anderer Meinung. Wie sich herausstellte, hatte ich recht.“

„Und Oda sorgte dafür fast für ihren Rauswurf aus der Advocacy.“

„Beinahe. War schon ein paar Mal näher dran.“

„Ich auch, mit Oda am Ruder.“ Wieder dieses raubtierhafte Grinsen. „Oda geht es nur darum, vor dem Direktor gut dazustehen. Hat mich einmal angeklagt, behauptete, es gäbe einige „Unregelmäßigkeiten“ in einer meiner Ermittlungen.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Alles, was ich getan habe, war das Gesicht dieses vergewaltigenden Sklavenhändlers „unregelmäßig“ aussehen zu lassen. Ich musste einfach versuchen, ihn davon abzuhalten, jemals wieder jemandem so etwas anzutun.“ Da er diesen selbst getragen hatte, erkannte Gates leicht den Ausdruck, der über Seabrooks Gesicht kroch, als sie ihre Geschichte erzählte: Abscheu über das, was der Pirat getan hatte, Unbehagen über ihre eigene Reaktion, gefolgt von der ruhigen Gewissheit, dass diese Handlungen absolut notwendig gewesen waren. Gates wusste aus langer Erfahrung, dass der Anschein von Gewissheit tagsüber leichter aufrechtzuerhalten war. In den langen Stunden der Nacht lässt der Schlaf die deine Deckung fallen und den Albträumen freien Lauf.

Von einem plötzlichen Drang gepackt, das Thema zu wechseln, fragte er: „Sie haben nicht zufällig die Techniker gesehen, die meine Raketengestelle sabotiert haben?“

„Nein.“

„Wissen Sie, ob Morgan noch dort ist?“

„Ist er nicht.“ Gates' Enttäuschung muss sichtbar gewesen sein, denn sie fuhr schnell fort: „Es ist mir gelungen, das Schiff zu identifizieren, in dem er fortgeflogen wurde. Er befindet sich im System, auf Corel II. Oder besser gesagt, im Orbit auf einer Station, die einer Anselm Holding LLC gehört.“

„Sollte mir dieser Name etwas sagen?“

„Demselben Unternehmen gehört Nemonautics.“

„Das Unternehmen, das die Sabotage meines Schiffes ermöglicht hat. Klingt verdächtig.“

Sie zog eine Braue hoch.

„Ich bin misstrauisch gegenüber voreilig gezogenen Schlüssen.“

„Das bin ich auch, deshalb habe ich ein paar Nachforschungen angestellt, während Sie sich erholt haben. Da sich das Unternehmen in Privatbesitz befindet, gibt es nur sehr wenige Informationen. Aber es ist vor drei Jahren gegründet worden und hat eine Reihe von Transportunternehmen und mehrere orbitale Wartungseinrichtungen aufgekauft, alles ohne irgendeine Art von dokumentierter Finanzierung.“

„Eine Fassade?“

„Auf jeden Fall, obwohl ich nicht sagen kann, für wen oder was.“

„Um was für eine Art von Orbitalstation handelt es sich?“

 „Harmony Maintenance and Transhipment, ähnlich wie die im Orbit von Nemo.“

„Gibt es noch andere Unternehmen, die dort Raum anmieten?“

Sie warf einen Blick auf ihr MobiGlas. „Nein.“

„Irgendwelche Verteidigungsanlagen?“

„Standard Anti-Meteor.“

Er nickte und schlug auf die Innenkante der Krankenstation; Gel spritzte von seinen Fingern: „Wie lange muss ich hier drinbleiben?“

„In ein paar Stunden sollten Sie zu leichtem Dienst bereit sein.“

„Gut. Dann brauchen wir nur noch ein weiteres Schiff.“

„Wir?“

Gates hatte nicht einmal bemerkt, dass er sich für eine Zusammenarbeit mit Seabrook entschieden hatte, bis sie ihn darauf ansprach. Er schaute ihr in die Augen. „Ja. Ich brauche Ihre Hilfe, Agent Seabrook.“

Seabrook erwiderte seinen Blick für einen langen Moment und wägte offensichtlich die Situation ab. „In Ordnung. Wofür?“

„Wir schnappen uns Morgan. Entweder wir befreien ihn, falls er gegen seinen Willen festgehalten wird, oder, wenn nicht, nehmen wir ihn zum Verhör mit.“

Sie deutete auf die Krankenstation: „Sie werden nicht so schnell wieder ganz gesund werden. Ich kann mir nicht vorstellen, wie Sie an Bord der Station kommen sollten, ohne einen Alarm auszulösen.“

„Ich werde nicht an Bord gehen, sondern Sie. Sollten die Sie bemerken, werden sie erwarten, dass Sie zu dem Schiff zurückkehren, in welchem Sie gekommen sind. Deshalb werde ich an Bord eines anderen Schiffes warten, bereit, Sie beide einzusammeln, falls es dazu kommen sollte.“

„Ohne richterlichen Beschluss?“

Er warf ihr nur einen Blick zu.

Seabrook wandte gequält den Blick ab. „Dumme Frage, ich weiß.“

„Also, wissen Sie, wo wir schnell, billig und diskret ein drittklassiges Schiff bekommen können?“

„Könnte sein, dass ich da jemanden kenne, ja.“

Gates lächelte und wechselte das Thema: „Wie lange sind Sie schon bei der Advocacy?“

„Fast zwanzig Jahre, warum?“

„Ich hatte nicht die Gelegenheit, ihre Akte zu lesen, erinnern Sie sich? Und obwohl Special Action aus härter arbeitenden Agenten besteht als der Rest der Advocacy, könnte es mir bei der Planung helfen, wenn ich ein paar Einzelheiten über Ihren Hintergrund wüsste.“

„Ich bin seit sieben Jahren bei Special Action.“

„Ah, das erklärt, warum wir uns nie getroffen haben.“

Sie nickte. „Ich kam, kurz nachdem Sie zu Oda versetzt wurden. Special Action brauchte einen Datenexperten mit Felderfahrung. Ich glaube, die Verantwortlichen haben uns eins zu eins gegeneinander ausgetauscht.“

Datenexperte, das erklärt einiges und könnte sich als sehr nützlich erweisen.

„Karrieristische Bürokraten mögen es, Ordnung zu halten“, sagte er, um das Gespräch weiterzuführen.

Sie schnaubte. „Aber Oda hat mit Ihnen mehr bekommen, als sie sich gewünscht hat, nicht wahr?“

„Das hat sie. Hoffen wir, dass Morgan, oder die Leute, die ihn festhalten, ebenso überfordert sein werden.“

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Autor:  Griffin Barber   Übersetzung:  Malu23   Korrektur:  Parnyr   Originaltext von CIG