Militär-Guide: Das Schicksal der UEES Flyssa



Das Schicksal der UEES Flyssa

In einem Telefonat Anfang März 2862 gestand Admiral Pavlina Marlin einem Freund, dass sie mit ihrem Kommando unzufrieden war. Sie war mit der Aufsicht über die Marinewerften inmitten der Wolken von Stanton II betraut (der Planet sollte erst 2865 als Crusader bekannt werden) und betrachtete diese Position nicht als das Paradestück, für das andere sie hielten. Das Kommando war begehrt und bot eine der außergewöhnlichsten Aussichten der UEE, aber der ehrgeizigen Admiralin kam es zu ruhig und beschaulich vor, und sie war sich sicher, dass ihre Fähigkeiten trotz des Prestiges der Position verschwendet wurden.

Marlin machte während ihrer gesamten Laufbahn deutlich, dass ihr oberstes Ziel darin bestand, die Verteidigung der Vanduul-Front anzuführen. Deshalb trat sie in die Flotte ein. Ihre Großeltern waren vor der Eroberung Virgils durch die Vanduul im Jahr 2737 geflohen und erzählten ihr erschütternde Geschichten von ihrer Flucht und dem tragischen Schicksal derjenigen, die weniger Glück hatten. In ihrem Büro bewahrte sie ein gerahmtes Foto des ehemaligen Familiensitzes auf Virgil auf und erzählte jedem, der danach fragte, dass er „schon lange verbrannt, bombardiert und und der Schutt durch einen Vanduul-Harvester abgeerntet worden sei, um ihren Krieg gegen uns zu befeuern.“ Trotz Admiral Marlins kristallklarem Ehrgeiz fand sie sich immer wieder als Befehlshaberin von Flotten wieder, denen Nachhut- oder Verwaltungsaufgaben zugewiesen wurden. Sie beklagte unentwegt ihre mangelnde Erfahrung im Kampfeinsatz und glaubte, dass dieser Mangel sie von der Front fernhielt. Dieser Trend setzte sich 2858 fort, als sie in das verschlafene und sichere Stanton versetzt wurde. High-Commander Irya Ruybal bewunderte zwar Admiral Marlins Ehrgeiz, hoffte aber, dass ein paar weitere Jahre abseits der Front sie zu einer geduldigeren und vorsichtigeren Kommandeurin machen würden.

Admiral Marlin wusste, dass der Auftrag ein Test war, und wollte ihr Potenzial unter Beweis stellen. Sie verbesserte die Produktionsleistung der Werft und überzeugte den knauserigen Haushaltsausschuss, das Netz der Plattformen zu erweitern, um die Produktionskapazitäten zu steigern. Um die Monotonie der Verwaltung zu durchbrechen und ihre Erfahrung als Kampfkommandeurin zu verbessern, organisierte sie häufig Kriegssimulationen, um die Bereitschaft ihrer Flotte auf alles Mögliche zu testen, von der Blockade einer Raumstation durch Kriminelle bis zum Auftauchen eines Vanduul-Klans über einen unentdeckten Sprungpunkt im System. Doch nach vier Jahren auf dem Posten sah sie sich ihrem Ziel nicht näher gekommen und fragte sich insgeheim, ob sie dem Flottenkommando zu gute Arbeit geleistet hatte, um sie gehen zu lassen.

Inmitten dieser wachsenden Frustration erhielt Admiral Marlin im Jahr 2862 einen Bericht, dass auf Daymar ein illegaler Bergbaubetrieb entstanden war. Die UEE hatte die kommerzielle und industrielle Erschließung in Stanton seit seiner Entdeckung ein Jahrzehnt zuvor eingeschränkt – eine Haltung, die viele zu dieser Zeit irritiert und verärgert hatte. Die Gründe dafür ergaben erst Sinn, als die UEE im Jahr 2865 jeden Planeten an den Meistbietenden verkaufte. In den vierzehn Jahren zwischen der Entdeckung von Stanton und dem Verkauf besuchten jedoch immer wieder unabhängige Bergarbeiter das System, um ein wenig Erz abzubauen, und die Navy ignorierte sie meist. Die Menschen litten noch immer unter dem wirtschaftlichen Abschwung der späten 2850er Jahre und viele kämpften um ihren Lebensunterhalt. Die Navy hatte wenig Interesse daran, hart arbeitende Zivilisten zu schikanieren, solange sich ihre Bergbauaktivitäten in Grenzen hielten.

Die Berichte über diese neue Daymar-Operation übertrafen jedoch bei weitem alles, was die Admiralin während ihrer Kommandozeit erlebt hatte. Mit einer koordinierten Flotte von Schiffen, wurde in kürzester Zeit eine unglaubliche Menge an Erz abgebaut. Admiral Marlin war sich darüber im Klaren, dass Untätigkeit nur zu weiteren Bergbauoperationen dieses Ausmaßes ermutigen würde, und schickte eine Flotte von Jägern sowie die UEES Flyssa, einen Zerstörer der Javelin-Klasse, nach Daymar, um die betroffenen Schiffe zu einem Beschlagnahmungsort zu eskortieren und hohe Geldstrafen zu verhängen, um von ähnlichen Aktionen abzuschrecken. Admiral Marlin genehmigte den Einsatz nicht-tödlicher Gewalt, falls sich die Schiffe als unkooperativ erwiesen, und bestand darauf, dass alle an der Aktion beteiligten Personen vor Gericht gestellt wurden. Sie war entschlossen, der Sache mit Nachdruck zu begegnen und ihrer Besatzung wertvolle Einsatzerfahrungen zu verleihen. Sie war davon überzeugt, dass die proaktive Reaktion ein guter Test für ihre Besatzung sein und sich gut in ihrem Bericht an das Oberkommando der Navy machen würde. Niemals hätte sie mit der entsetzlichen Katastrophe gerechnet, die bevorstand.

Die UEES Flyssa positionierte sich über Daymar, als die anderen Schiffe der Navy in die Atmosphäre eintraten, um die betroffenen Schiffe aufzuspüren und von dort wegzueskortieren. Da Admiral Marlin darauf bestand, dass alle Beteiligten festgenommen werden sollten, sendete die Navy keinen Funkspruch, um die Bergarbeiter über ihre Anwesenheit und ihre Absichten zu informieren. Die Schiffe der Navy lokalisierten die aktive Bergbauanlage und näherten sich ihr schnell und energisch, wobei sie sich von Admiral Marlins Anweisung leiten ließen, ihre Präsenz auf eine Weise anzukündigen, die „die Beteiligten aus den Sitzen reißt und sie zur sofortigen Aufgabe veranlasst“. Stattdessen erschreckte ihr plötzliches Auftauchen die Bergarbeiter, die sofort den Betrieb einstellten und in verschiedene Richtungen flohen. Während die meisten Schiffe mit nicht-tödlichen Waffen schnell überwältigt werden konnten, gelang es einem, zu entkommen und die Atmosphäre zu verlassen. Die UEES Flyssa verfolgte das fliehende Schiff und ging in Position, um es zu überwältigen, sobald es der Schwerkraft Daymars entkommen war. In diesem Moment kam es zur Tragödie. Das Bergbauschiff, dessen dringend benötigte Reparaturen längst überfällig waren, hatte Augenblicke nach dem Austritt aus der Atmosphäre eine Reihe von katastrophalen Komponentenausfällen zu verzeichnen. Dies löste eine Kettenreaktion von Explosionen aus, die durch den mit hochinstabilen Erzen gefüllten Frachtraum noch verstärkt wurde. Die durch die gewaltige Explosion ausgelöste Druckwelle traf die UEES Flyssa, während diese sich dem Ziel näherte. Unfähig, den Kurs zu korrigieren oder ihren Schild schnell zu verstärken, wurde die UEES Flyssa von Schiffstrümmern und Erzfragmenten getroffen, die den Rumpf an Dutzenden von Stellen durchschlugen. Kapitän Chin Ormiston, der glaubte, dass die Javelin angegriffen wurde, ordnete einen schnellen Rückzug an, erkannte aber zu spät, dass zwei Triebwerke der UEES Flyssa beschädigt worden waren. Die plötzliche Richtungsänderung führte zu einer Überlastung der Triebwerke, der rasch eine Reihe von Systemausfällen folgte. Brände breiteten sich im ganzen Schiff aus, während die UEES Flyssa unkontrolliert auf die Mondoberfläche zu trudeln begann.

Wegen der sich häufenden Explosionen an Bord hatte die UEES Flyssa bereits Teile verloren, als sie auf einen hohen Bergrücken stürzte und mit dem Bug über einem gefährlichen Felsvorsprung zum Liegen kam. Alle 65 Besatzungsmitglieder starben, was den Absturz zu einem der schlimmsten Schiffsunglücke des 29. Jahrhunderts machte. Die anschließende Untersuchung durch die Navy erkannte die Unwahrscheinlichkeit der gesamten Ereignisse an und stufte die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein solcher Absturz wiederholen könnte, als verschwindend gering ein, gab aber dennoch Admiral Marlin vollumfänglich die Schuld. Sie erachteten ihren Befehl, die Bergarbeitern mit Schiffen anzugreifen, ohne vorher ihre Absichten bekannt zu geben, als fatale Entscheidung. Sie hoben Kommunikation hervor, in der Admiral Marlin ihre Frustration über ihr Kommando und ihren Wunsch, sich zu profilieren, zum Ausdruck brachte, als Grund für ihre Anordnung einer „übermäßig einschüchternden und aggressiven Taktik, die der Situation nicht angemessen war.“ Mit diesem Bericht war eine einst vielversprechende Karriere zerstört.

Admiral Marlin wurde schließlich aus Stanton versetzt, aber nicht an die Vanduul-Front. Sie wurde zum administrativen Dienst nach Kilian versetzt, bis sie 2868 entlassen wurde. Ihr Traum, eine Frontflotte zu befehligen, sollte sich nie erfüllen. Heute erinnern sich nur noch wenige an Admiral Marlin oder an ihre Rolle beim Absturz der UEES Flyssa, aber das Schiffsskelett bleibt ein Wahrzeichen von Daymar. Die Navy stellte das Schiff außer Dienst und löschte es aus ihren Militärcomputern, mit der Absicht, das Wrack zu einem späteren Zeitpunkt zu bergen. Doch mit der Privatisierung des Mondes wurden diese Pläne nie ganz verwirklicht. Trotz seiner historischen Bedeutung und der beeindruckenden Aussicht wird der Ort nur selten besucht, da Gerüchte kursieren, dass sich dort oft Gesetzlose aufhalten. Ein tragisches Schicksal für das Schiff, seine Besatzung und eine ehrgeizige Admiralin, die sich nur beweisen wollte.